»SCHON SO LANG« – LIEDERMACHER AUF DER WALDECK

Pfingstfestival 2004 auf >der Waldeck« überm Baybachtal. Die alten Barden geben sich zum 40-jährigen Jubiläum ein Stelldichein, mischen sich unter die Mitstreiter von damals. Gelassen die Stimmung, friedlich, ein wenig wie ein Klassentreffen: Weißt du noch…?

Trotz alledem kaum Nostalgie, trotz der alten Hits im Zelt und auf der Bühne. Einträchtig sitzt man auf den berühmten Wiesen unterhalb des Säulenhauses zusammen, ein paar Jüngere gesellen sich hinzu. »Väterchen Franz» (Franz Josef Degenhardt) ist nicht da, Reinhard Mey vielleicht gerade »über den Wolken«, Dieter Süverkrüp (»Baggerführer Willibald«) singt nicht mehr. Aber Hannes Wader, Hein und Oss Kröher, Christof Stählin, Bernd Witthüser (von Witthüser & Westrup), Walter Mossmann, Black (von Schobert & Black), Bömmes, Hai und Topsy Frankl, John Pearse, Colin Wilkie und Shirley Heart sind gekommen, auch Waders einstiger Gitarrist Werner Lämmerhirt. Sie alle bringen einiges rüber von der Aura der Jahre 1964-69, als mitten in den Wäldern des Hunsrück die Lieder der Liedermacher laufen lernten. Katja Ebsteins und kurioserweise auch Ivan Rebroffs Karriere nahm hier oben ihren Anfang. Bob Dylan trat entgegen anderslautenden Gerüchten nie auf der Waldeck auf, spielte aber eine Rolle als begnadeter Spiritus Rector weltweiten Protests gegen Vietnam, Unrecht und Spießertum. 1995 sang BAPs Wolfgang Niedecken Dylan-Songs auf der Waldeck, Richie Hävens intonierte die Woodstock-Hymne »Freedom«.

Die Idee eines Festivals »Chanson Folklore International« konkretisiert sich Anfang der 1960er. Chansons prägen das Treffen 1964, lyrisch-frech, noch aber kein lauthalser Protest. Degenhardt erregt Aufsehen mit subtilen Bänkel-Liedern wie »Spiel nicht mit den Schmuddelkindern«, ist aber meilenweit entfernt von »Da habt ihr es, das Argument der Straße«. Freiheit von Zwängen formuliert sich als Antwort auf kleinbürgerliche Enge, politisiert sich 1968 und radikalisiert sich 1969. Hanns Dieter Hüsch kapituliert 1968 vor einem Pfeifkonzert, andere verweigern Auftritte, konfrontiert mit der Parole »Stellt die Gitarren in die Ecke!« und den endlosen Diskussionen über Faschismus, Imperialismus und Klassenbewusstsein. Trotzdem verbuchen Insterburg & Co. mit Nonsens einen Riesenerfolg. Zu Tangerine Dreams psychodelischem Sound tanzen verzückte Hippies ums Lagerfeuer.

Das verträgt sich absolut nicht mit den Riten hündischer Jugend. Das Tischtuch zwischen dem Festival-Initiator ABW (Arbeitsgemeinschaft Burg Waldeck) und dem Nerother Wandervogel, beides Rechtsnachfolger des Bunds zur Errichtung der Rheinischen Jugendburg e.V., ist längst zerschnitten. Der 1919/20 aus der Jugendbewegung hervorgegangene Nerother Wandervogel, von den Brüdern Robert und Karl Oelbermann im Eifeldorf Neroth gegründet, hatte die Burgruine Waldeck gekauft. Den Wiederaufbau »einer Hochburg und Heimat des jugendlichen Geistes« treibt man mit Spenden, dem Erlös von Kulturfilmen und Straßenmusik aus abenteuerlichen Weltfahrten voran. 1930 genießt Friedensnobelpreisträger Rabindranath Tagore die herrliche Abgeschiedenheit. 1933 wird der Nerother Wandervogel, 1935 der daraufhin gegründete ABW von den Nazis zwangsaufgelöst, Robert Oelbermann 1941 im KZ ermordet. Sein Zwillingsbruder Karl überlebt in Südafrika und erweckt nach 1950 den Wandervogel auf der Burg zu neuem Leben. Wieder singt man die alten Lieder, klampft, geht auf jungen- schaftliche Weltfahrt.

Und dann brechen mit einem Mal diese aufmüpfigen, (Joint) rauchenden, Rotwein trinkenden, nonchalanten, Männlein-Weiblein auf der Wiese liegenden >Bür- gerschrecks« in die Idylle ein, wirbeln eine scheinbar heile Welt durcheinander, nicht nur die der Nerother. Sabotageakte häufen sich nun bei den Festivals: durchschnittene Kabel, zerstochene Autoreifen und schließlich die Sprengung der Bühne. Die Urheber werden nie ermittelt. Ein jahrelanger Prozess um den Geländebesitz endet zugunsten der ABW, den Nerothern bleibt die Burg, die mittlerweile abgeschottet fast im Wald verschwindet.

Das Waldeck-Festival gilt als »Mutter aller Openairs«. An ihrer »Quelle« zu weilen aber lässt noch immer Kraft schöpfen: Theatergruppen proben in Häusern und Hütten, es wird getrommelt und gepfiffen, kleinere Festivals steigen. Ein eigenartiger Zauber umfängt »schon so lang« diesen Ort, der so still sein kann, dass man die Windspiele am Säulenhaus wispern hört.

Infos und Buchung: Burgvogt Happy Freund, Tel. 06762/79 97, www.burg- waldeck.de.

Lesetipp: Hotte Schneider, Die Waldeck – Lieder, Fahrten, Abenteuer (Dorweiler 2005).

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